Ausstellungen

Jost Heyder "BILDNIS, AKT, FIGURATION" vom 12. Mai bis 29. Juli 2018

Die Lust am Imaginieren
Jost Heyder ist ein stiller Maler; ein Künstler, der sich selbst nicht in den Vordergrund drängt. Und doch ist sein Werk seit über 30 Jahren in der ostdeutschen Kunstlandschaft und darüber hinaus nachhaltig präsent. Was nicht zuletzt auch die Ausstellung in Ottobeuren beweist. Bereits seine Diplomarbeit, die er 1980 an der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst vorlegte, fand höchste Anerkennung. Noch heute ist er stolz darauf, an der Geburtsstätte der weitbekannten, vor allem figurativ geprägten „Leipziger Schule“, sein malerisches und zeichnerisches Rüstzeug erworben und damit vor namhaften Lehrern wie Bernhard Heisig, Arno Rink und Sighard Gille bestanden zu haben. Seit dem hat er ein Werk geschaffen, „dessen handwerkliche, geistige und ästhetische Klasse heutzutage derart selten geworden ist, dass man lange suchen muss, um Vergleichbares zu finden“, wie jüngst das renommierte Münchner Kunstmagazin „mundus“ in der Titelgeschichte seiner Jubiläumsausgabe über ihn feststellte.
In Leipzig hat Heyder malen gelernt. Sein zeichnerisches Talent vervollkommnete er als Meisterschüler von Gerhard Kettner in Dresden und von Wieland Förster in Berlin; beide selbst exzellente Zeichner. Allein, dass er zweimal zur Förderung als Meisterschüler ausgewählt wurde, spricht für sich. Danach zog sich Heyder aber immer wieder in seine thüringische Heimat zurück, um ungestört seiner „Lust am Imaginieren von Bildwelten, von Figurationen, die keine gesellschaftliche Relevanz haben mussten“, frönen zu können. Eisenach und Erfurt waren schon zu DDR-Zeiten keine pulsierenden Kunstzentren. Doch kann man in der Provinz einfacher Kunstdoktrinen und Modeerscheinungen ausweichen – damals wie heute. Hier waren und sind wunderbare Landschafter zu Hause, Schöpfer poetisch-sinnlicher Akte und stiller, aber kongenialer Porträts. All dies finden wir bei J. Heyder in hoher Perfektion; aber noch viel mehr. Ist er doch auch ein Künstler, der sich an der jüngeren Kunstgeschichte abarbeitet. Er bezieht seine Inspirationen aus dem impressionistischen Werk von Max Liebermann und Lovis Corinth ebenso wie aus der expressiven Kunst von Oskar Kokoschka bis zu Bernhard Heisig. Oder von Übervätern der Moderne wie Pablo Picasso, Henri Matisse und Alberto Giacometti. Oft nähert er sich deren Werk, indem er Porträts der Künstler schafft. Ein Porträt von Max Beckmann aus seiner Hand ist mir nicht bekannt. Und trotzdem ist er in Heyders Werk allgegenwärtig. Nicht nur, weil beide die Lust am Porträtieren verbindet, sondern weil von Beckmanns großen Welttheater-Bildern „unglaubliche Impulse“ für Heyders Art, Bilder zu komponieren ausgehen. Seine Kunsträume, die uns in phantastische Zirkuswelten, Puppenbühnen, Atelier- und Strandszenen sowie mythologische Neudeutungen entführen, sind denen Beckmanns wesensverwandt. Und doch sind es Raumbühnen ganz eigener Art. Aber auch hier springt ihm Beckmann argumentativ zur Seite. Schon 1914 notierte der: „Dass viele meiner Empfindungen bereits vorhanden gewesen sind, weiß ich sehr wohl. Ich kenne aber auch das, was ich neu aus meiner Zeit und ihrem Geist in mir fühle. Dieses will und kann ich nicht definieren. Es steht in meinen Bildern.“
Bernd Lindner


Diether Kunerth "PAARE" vom 12. Mai bis 11. November 2018

Sokrates im Gespräch mit einem Schüler
Schüler: Lieber Sokrates, du selbst bist Bildhauer, aber vor allem ein großer Philosoph und mein Meister, der in regem Dialog mit uns Schülern und Wissbegierigen steht. Ich konnte den Eindruck gewinnen, dass du die Bildhauerkunst geringer bewertest als Literatur und Philosophie. Aber wir Griechen haben doch vor allem wegen der großartigen Marmorfiguren, die auf allen öffentlichen Plätzen und in Tempeln aufgestellt sind, so großes Ansehen im Ausland. In unseren Kolonien tragen wir unseren Ruhm als herausragende Kulturschaffende in die Herzen der Menschen.
Socrates: Vergiss bitte nicht, mein lieber Freund, die großartigen Dramen und die weltberühmten Schriften unserer Dichter. Auch im Ausland werden öffentliche Theater errichtet, die uns für alle Zeiten unsterblich machen. Ich als Steinmetz konnte keine Meisterwerke schaffen. Die Göttin Athene hat mir andere Talenten geschenkt. Vielleicht ist es ein wenig die eigene Enttäuschung von meinem kleinen Manko als Bildhauer, die mich auf meine Berufung als Philosoph so kompromisslos verwies.
Schüler: Kommen wir zur Lehre des Höhlengleichnisses. Die Bildhauerei nennst du den Schatten der Schatten. Ist aber nicht gerade die Marmorfigur Ausdruck von größter Harmonie, die unendlich lange strahlt und ein Zeichen und ein Bild verkörpert, das den göttlichen Gedanken von Vollkommenheit in Ewigkeit über den Weg der Materialisierung uns vor Augen stellt?
Sokrates: Da hast du, lieber Freund, recht. Wir Menschen sind voller Makel innerhalb des Kosmos, der ewig sich in Entwicklung befindet. Die Lebewesen sind sterblich und haben eine begrenzte Erkenntnis über die Ursachen allen Seins. Der Künstler aber kann eine Utopie von ewiger Harmonie erfinden und zwar in verschiedenen Medien. Die Marmorfigur verkörpert vollkommene Schönheit. Die unsterblichen Götter sehen sich in ihnen gespiegelt. Der Zeitablauf bei allen Lebewesen ist da aufgehalten. Freude und Leid sind vergänglich im realen Leben, aber in der ewig strahlenden Figur ist nur unendliches Glücksgefühl ausgedrückt. In der Ewigkeit ist kein Platz für Unvollkommenes und für Leidvolles, so ist Kunst ein Gleichnis für Absolutes. Die Tragik in den Dramen unserer Dichter behandeln die Irrwege des Menschen. Aber sie enden nach gewisser Zeit. Sie bedeuten für uns eine Möglichkeit der Katharsis.
Schüler:  Mein lieber Lehrer Sokrates, ich freue mich sehr, in so einer reichen Welt der Gedanken und herrlichsten Kunstwerke beheimatet zu sein. Die göttlichen Ideen verkörpern sich in Kunst und finden Interpretation in der Weisheit der Philosophie.
Sokrates: Lieber Gesprächspartner, es wird uns beiden bewusst, dass ein Dialog zwischen Menschen so wichtig ist, um aus einsamen Monologen herauszufinden. Im Sport ist das Ballspiel zwischen Partnern erst spannend und lässt den einzelnen auf glückhafte Weise erleben, dass wir erst im Zusammenspiel mit anderen unser Potenzial an Höchstleistungen erfahren können. Dieses intensive Erlebnis ist auch zwischen Mensch und Tier, zwischen allen Lebewesen und sogar im Erlebnis mit Gestein, den Sternen und mit dem gesamten Kosmos möglich. Denn alles hat den gleichen geistigen Ursprung und ermöglicht, dass Unterschiedliches sich austauschen kann. Wird uns Menschen dies immer mehr bewusst, so besteht die Chance, dass sich die polaren Kräfte nicht bekämpfen und zerstören, sondern zu einer Toleranz und kreativen Gestaltung unserer Zivilisation beitragen, indem sich diese als Evolutionsschub erweisen.
Sokrates: Mein lieber junger Freund, nun möchte ich dir zum Schluss noch eine Prophezeiung, ohne das Orakel von Delphi kontaktieren zu müssen, mit auf den Weg geben. Bald wirst auch du die Wonnen eines Liebespaares erleben. Gott Amor wird den Pfeil abschießen. Dann wirst du auf das Innigste erfahren, dass eine Liebespartnerschaft das Schönste und Wichtigste im menschlichen Leben bedeutet.
Schüler: Ich danke dir, lieber Sokrates, herzlichst für die Möglichkeit, einen so guten Dialog mit dir ermöglicht bekommen zu haben.

Einführung in die Ausstellung: Prof. Dr. Bernd Lindner (Leipzig)


Sehr geehrter Diether Kunerth und sehr geehrter Jost Heyder,
sehr geehrter Markus Albrecht,
sehr geehrter Bernd Schäfer (auf dessen Vermittlung hin, ich nach Ottobeuren gekommen bin)
liebe Gäste der Vernissage der heutigen Ausstellung!

Ich freue mich sehr, Ihnen heute einen Einblick in das Schaffen zweier Künstler geben zu können, die in den nächsten  Wochen miteinander im Museum für zeitgenössische Kunst Ottobeuren einen Ausschnitt ihres überaus umfangreichen Oeuvres präsentieren werden: Zwei Künstler aus Deutschland, die hier leben und arbeiten; und deren Werke nun in einen gleichberechtigten Dialog miteinander treten.
Doppelausstellungen sind keine Seltenheit in der Museumsgeschichte; zumal nicht in Ottobeuren, wo sie nahezu zum Präsentationsprinzip des DiKu geworden sind. Selten sind aber leider immer noch Kunstausstellungen, in denen sich die Werke zweier Künstler aus Ost- und aus Westdeutschland auf gleicher Augenhöhe begegnen. Und dies fast 30 Jahren nach Wiedererlangung der Deutschen Einheit! 30 Jahre des immer wieder aufflammenden „Bilderstreites“, in denen mehr die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten betont wurden und werden: Divergenzen zwischen dem Kunstschaffen im Osten und damit ist kurioserweise mehrheitlich immer noch die DDR gemeint, die aber bereits 1990 aufgehört hat zu existieren(!) – und dem Kunstschaffen im Westen Deutschlands.
Die heute zu eröffnende Ausstellung sucht aber gerade nach den Nähen, den Überschneidungen und gemeinsamen Wurzeln in den Arbeiten von Diether Kunerth – geboren 1940 in Freiwaldau (Sudetenland), Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in München, ansässig hier in Ottobeuren und Namensgeber dieser schönen Kunsthalle und Jost Heyder – geboren 1954 in Gera (Thüringen), Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, in Erfurt lebend und in Arnstadt malend.                       
Und die Ausstellung versucht dies unter einem gemeinsamen Titel: „Der Mensch“. Der kollektive Bezugspunkt der hier präsentierten künstlerischen Arbeiten – mehrheitlich Werke der Malerei, wie auch einiger plastischer Arbeiten von Diether Kunerth – ist also die menschliche Figur in ihrer ganzen Vielschichtigkeit.  Sie zeigen uns:
-    Personengruppen in fiktiven, phantasievollen Konstellationen: im  Rund einer Zirkusmanege, auf Theaterbühnen oder in Booten beim
     Fischfang, sowie
-    Bildnisse konkreter, historischer Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Musik bei Jost Heyder.
Und von Diether Kunerth sehen wir:
-    Paare in vielfältigsten Variationen: mit Vorliebe Liebespaare oder Badende im Wasser und am Strand; entstanden seit den frühen
     1960er Jahren bis heute. Er zeigt sie uns in ihrer ganzen kreatürlichen Anmutung, Sinnlichkeit wie Verletzlichkeit, die gerade in seinen
     großformatigen  Paarbildern besonders hervortritt.
Akte  – und damit das Festhalten an der menschlichen Figur als Gegenstand der Malerei – sind dann auch das verbindende Motiv im hier präsentierten Ausschnitt aus dem insgesamt sehr experimentierfreudigen Schaffen von Diether Kunerth und Jost Heyder.
Sie zeigen uns – vornehmlich, aber nicht ausschließlich – weibliche Körper in ihrer ganzen Schönheit, Natürlichkeit und Eleganz, aber auch ihrer Erotik. Doch wird diese von den Malern nicht als Fetisch präsentiert, sondern als selbstverständlicher, organischer Teil der Persönlichkeit ihrer Modelle; zu denen – dem Paar-Thema verpflichtet – bei Diether Kunerth selbstverständlich auch männliche Akte gehören.
Auch wenn die Arbeiten beider Künstler im DiKu weitgehend getrennt voneinander präsentiert werden, so treten sie – und damit ihre Schöpfer – dennoch in einen unmittelbaren Dialog miteinander, wie hier auf der unteren Galerieebene sogar in direkter Weise.
Die Form des Dialogs hat bezeichnender Weise auch Diether Kunerth für seinen Text im empfehlenswerten Katalog zu dieser Ausstellung gewählt.
Anreiz ebenfalls für mich, dieses Prinzip spielerisch aufzugreifen und nachfolgend zwei (nicht ganz fiktive) Künstler aus dem Westen und Osten Deutschlands miteinander ins Gespräch kommen zu lassen. Eröffnet wird es von dem –  lebenszeitlich gesehen –  etwas älteren Maler aus den alten Bundesländern:
„Das ist schön, ihren Arbeiten hier – tief im Westen – zu begegnen. Ich muss zugeben, ich weiß relativ wenig über die Kunst, die da drüben entstanden ist. Hat sich einfach nicht ergeben.“
Darauf der Maler aus dem Osten nachdenklich:
„Wenn ich ehrlich bin, haben wir meist auch nur die Arbeiten jener westdeutschen Künstler wahrgenommen, deren Namen ständig durch die Feuilletons der großen Zeitungen geistern: Beuys, Baselitz, Lüpertz, Polke, Trockel, Kippenberger und so weiter.“
Zustimmung aus dem Westen:
„Ja, mir fallen auch nur wenige Namen von DDR-Malern ein: Sitte, Tübke, Mattheuer und Heisig. Das waren wohl auch die Einzigen, denen gestattet wurde, ihre Arbeiten im Westen zu zeigen? Staatskünstler eben, samt ihres sozialistischen Realismus! Anderes war in der DDR künstlerisch ja nicht erwünscht.“
Prompter Widerspruch aus dem Osten:
„Das trifft nur für die frühe DDR zu. Als ich Mitte der siebziger Jahre mein Studium aufgenommen habe, hat keiner unserer Lehrer an der Hochschule uns noch angehalten, Werke im Stil des sozialistischen Realismus zu schaffen. Worauf jedoch großer Wert gelegt wurde, war die Ausbildung handwerklicher Fähigkeiten: Zeichnen sollten wir lernen und mit Pinsel und Farben umzugehen, sowie die grafischen Techniken studieren: Radierung, Lithografie, Holzschnitt, Aquatinta etc. Da bin ich heute noch dankbar dafür, all das dort gelernt zu haben!“
 „Stimmt, das sieht man ihren Bildern an, dass sie Zeichnen und Malen gelernt haben“, antwortet sein Kollege. „An westdeutschen Kunsthochschulen war das während meines Studiums in den sechziger Jahren schon nahezu verpönt. Da war Abstraktion angesagt! Maler, die an der menschlichen Figur festhielten, hatten es schwer. Handwerk war kaum gefragt. Im Gegenteil: Jeder, der sich dafür hielt, war auch ein Künstler! Die eigentlichen Vorgaben kamen vom Kunstmarkt. Der bestimmte immer mehr, was angesagt war.“
Der Maler aus dem Osten räumt ein:
„Bei uns waren es dagegen die gesellschaftlichen Auftraggeber, die Vorgaben machten, was malenswert sein sollte. Wer in Betrieben oder für öffentliche Gebäude Kunstwerke schuf, war vor allem in seiner Themenwahl eingeschränkt. Oft mußte er endlose Diskussionen mit Kulturfunktionären über sich ergehen lassen. Dafür wurden solche Aufträge aber gut bezahlt. Ich habe mich jedoch bewusst davon ferngehalten…“
„Und wovon haben sie gelebt, Kollege?“
 „Von privaten Sammlern, davon gab es in der DDR eine Menge. Das Interesse an Kunst war sehr hoch, die Ausstellungen mit Werken der Gegenwartskunst vor allem in den siebziger und achtziger Jahren gut besucht. Gekauft wurden Grafiken, Zeichnungen, auch kleinere Ölbilder und Plastiken. Davon konnte man bei den niedrigen Lebenshaltungskosten für Nahrung, Mieten, Strom etc. gut leben, ohne sich als Künstler verbiegen zu müssen.“
„Das klingt ja nahezu idyllisch?“
„Nur vordergründig. Dafür war Kritik an den Unzulänglichkeiten des politischen Systems nicht gern gesehen und oft nur in verklausulierter Form möglich. Auch in den Westen reisen durften wir nicht. Picasso, Matisse, Beckmann, Kokoschka und all die Klassiker der Moderne kannte ich fast alle nur von mittelmäßigen Reproduktionen. Die erste große Expressionisten-Ausstellung fand in der DDR erst 1986 in Ost-Berlin statt…“
„Aber dafür“, so der westdeutsche Maler, „spiegelt sich in ihren Bildern die westliche Moderne doch sehr lebendig wieder!“
Die Antwort des Ostdeutschen:
„Weil uns unsere Lehrer hier zum Glück einiges entschieden vorgelebt haben. Den Expressionismus zum Beispiel habe ich vermehrt über die Arbeiten Bernhard Heisigs kennengelernt und Giacomettis sensible Kunst über die Plastiken und Zeichnungen Wieland Försters.  Nach dem Fall der Mauer haben wir dann viel nachgeholt. Wir sind oft gen Westen und dort eifrig von Museum zu Museum gereist; wenn es die finanzielle Lage uns erlaubte. Obwohl: Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ habe ich bis heute nicht im Original gesehen. Bis ins MoMa nach New York bin ich noch nicht gekommen.“
„Das ist schade! Gerade die Begegnung mit dem Bild war für mich als junger Künstler sehr wichtig. Auch den „Brücke“-Künstlern, die ja mehrheitlich aus Sachsen stammen, verdanke ich viele Anregungen. Überhaupt war das Reisen durch die Welt für mich immer wichtige Inspiration…“
Verlassen wir das fiktive Zwiegespräch der beiden Maler an dieser Stelle; in das ich bewusst einige der noch immer existenten Klischees über die bildende Kunst im Osten einbezogen habe, um sie ad absurdum zu führen.
So wie sich die Beiden dennoch im direkten Austausch schrittweise einander angenähert haben, kann dies jetzt auch hier in Ottobeuren zwischen Diether Kunerth, Jost Heyder und ihren Werken geschehen. Schnell wird dann klar, dass deren künstlerische Gemeinsamkeiten über ihre Affinität für die Figuren- und Aktmalerei hinausgehen.
So verbindet beide auch, dass sie ihr Atelier bewusst abseits der Kunstmetropolen aufgeschlagen haben, in denen sie ihre Ausbildung genossen haben: Kunerth in München und Heyder neben Leipzig auch in Dresden und Berlin, wo er erst Meisterschüler bei dem Zeichner Gerhard Kettner und dann bei dem Bildhauer, Grafiker und Dichter Wieland Förster war. Doch geschah dies zugleich, ohne dass er (wie Diether Kunerth auch ) seinen Wirkungskreis damit eingeschränkt hätte. Regionale Künstler sind beide beileibe nicht!
Denn Beide sind in der Bildsprache der Moderne zu Hause, adaptieren sie schöpferisch in ihr eigenes Werk. Jeder auf seine Art.
Während das bei Jost Heyder auch in direkten Porträts seiner künstlerischen Vorbilder und Inspirationsquellen (zu denen nicht nur Maler – von Adolph von Menzel bis Kokoschka –, sondern auch Dichter wie Joseph Roth und Gottfried Benn oder Musiker wie Johann Sebastian Bach gehören) seinen Niederschlag findet; geschieht dies bei Diether Kunerth ausschließlich über die schöpferische Verarbeitung von Techniken und Darstellungsformen der Moderne wie etwa des Action-Paintings Jackson Pollocks oder Willem de Koonings (z. B. in den Bildern Am Strand von Giannitsohori –  liegendes Paar“, „Liebespaar im Gebirge“, „Zwei Paare im Feld“, „Pamukkale 2“, und „Knabe liebt einen Vogel“). Oder er überträgt die Scherenschnitte eines Matisse in ihm eigene malerische Variationen, wie bei „Ödipus 11“  oder „Zwei balinesische Knaben im Morgenmeer“. Andere wie „Liebespaar Raumstation“, „Don Quichotte und Sancho Pansa“ oder „Mann und Frau am Meer“ – hier in der Galerie zu sehen – adaptieren geschickt Formen der Arte bruté.
Jost Heyder dagegen drückt seine Bewunderung für Henri Matisse direkt in einem Porträt des Wegbereiters der Moderne aus. Doch nimmt dessen Bildnis – bezeichnender Weise – nur die rechte Tafel des Triptychons „Bernhard, Henri und ich“ ein; das sie bereits im Vestibül begrüßt hat. Dessen linke Tafel widmet Jost Heyder völlig gleichwertig seinem Lehrer Bernhard Heisig. Das stilisiertes „Ich“ des Künstlers findet sich dagegen auf der Mitteltafel, in einem an Beckmanns Welttheater-Bilder erinnernden Manegenrund. Überhaupt: Beckmanns „Schauspieler“ und „Argonauten“ bevölkern in adaptierter Form auch die Szenarien der Heyder‘schen Welttheaters von heute (etwa in den Bildern „Die Maske“, „Auf der Bühne II“ oder „Die goldene Nase“). Ebenso, wie sich das Schleppnetz aus Beckmanns großem Triptychon „Abfahrt“ – mit und ohne Fische – durch Jost Heyder Bildwelt zieht, etwa in den Gemälden „Der große Fang II“ oder „Im Boot“. Und aus Bernhard Heisigs Bildwelt gleitet der Ikarus herüber und überfliegt Heyders Sämann, der surrealer Weise Fische in die Erde einbringt. Selbst Baselitz‘ ewig auf dem Kopf stehende Figuren erfahren in Heyders laszivem Damenbild „Kopfüber“ eine belustigende Persiflage.
Bei Diether Kunerth wiederum besticht seine kreative Verwendung unterschiedlichster Malgründe jenseits der klassischen Leinwand, wie dies seit den Dadaisten oder der Arte povera in der modernen Kunst üblich ist. Von
-    Kartonagen, die er nicht nur bemalt, sondern expressiv bearbeitet, ritzt und aufreißt,
-    über Glas- und Metallplatten und Spiegel
-    bis zu ausgedienten (Schrank-)Türen und ausgehängten Fenstern
-    Körben und sogar einer Wagendeichsel 
reicht die Palette der von ihm bemalten Untergründe und darauf plazierten Gebrauchgegenständen.
Dafür verwendet er neben Ölpastell-, Acryl-, Kasein- oder Temperafarben auch schon mal Rotwein, wenn es ins Bild passt: Hier zum „Aquarellieren“ bei den beiden Großformaten „Der Liebespaare … von Giannitsohori“.
Woher auch immer Diether Kunerth und Jost Heyder die Anregungen für ihre eigene Kunst entlehnen, entscheidend ist deren meisterliche Anverwandlung in eine ihnen eigene Bildsprache. Nur dadurch ist letztlich eine stete Weiterentwicklung der Kunst möglich. Oder wie schon der mehrfach genannte Beckmann bereits 1914 – selbst noch am Beginn seiner Künstlerkarriere befindlich –notierte:
„Dass viele meiner Empfindungen bereits vorhanden gewesen sind, weiß ich sehr wohl. Ich kenne aber auch das, was ich neu aus meiner Zeit und ihrem Geist in mir fühle. Dieses will und kann ich nicht definieren. Es steht in meinen Bildern.“
In diesem Sinne danke ich beiden Künstlern für ihre Bilder, dem Museum für zeitgenössische Kunst Ottobeuren (namentlich seinem Leiter Markus Albrecht) für deren Zusammenführung an diesem Ort und für diese Ausstellung.
Und ihnen, liebes Publikum, wünsche ich viel Vergnügen und Genuss bei deren Betrachtung.
Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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